Chinas Wege sind unergründlich (1)

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Lutte de Classe (Klassenkampf)
Januar 2025

China, dieses riesige Land mit seiner jahrtausendealten Geschichte, erschien in den Augen der westlichen Welt stets als geheimnisvoll und eine Welt für sich – vor allem, seit die Europäer versuchten, dort ihre Waren zu verkaufen. China leistete Widerstand gegen jede ausländische Einmischung: mit der Schließung der Häfen für westliche Händler, mit der Beschränkung der Europäer auf bestimmte Stadtviertel – auch trotz der beiden Opiumkriege, die Großbritannien gegen China führte; und natürlich erst recht mit der gewaltigen Bauernrevolution, die Mao im Namen des Kommunismus anführte.

China leistete jeder ausländischen Einmischung so lange und hartnäckig Widerstand, dass die Ankündigung eines Tischtennis-Turniers in China zwischen einer chinesischen und einer amerikanischen Mannschaft im Jahr 1971 sowie der Händedruck zwischen dem US-amerikanischen Präsidenten Nixon und Mao Zedong auf chinesischem Boden als Ereignisse von weltweit historischer Bedeutung angesehen wurden: Endlich öffnete sich China der westlichen Welt! Und als China 1984 an seinen ersten Olympischen Spielen in Los Angeles teilnahm (was also noch einmal 12 Jahre gedauert hatte), galt dies als Bestätigung. China schien tatsächlich in die Gemeinschaft der Nationen aufgenommen worden zu sein – und dies umso mehr, als der damalige Staatschef Deng Xiaoping an der Spitze der Kommunistischen Partei Chinas und mit deren Zustimmung kapitalistisch geprägte Eigeninitiativen förderte.

China hatte sich tatsächlich geöffnet. Doch der Westen konnte dort nicht tun, was er wollte. Ausländische Firmen erhielten zwar das Recht, sich dort niederzulassen und Zugang zum chinesischen Markt zu erhalten - allerdings nur unter der Bedingung, dass sie ihre Technologien ebenfalls nach China exportierten. Diese Öffnung war der Ausgangspunkt einer gigantischen Industrialisierung und eines ebensolchen Wachstums der Arbeiterklasse.

Die Ansiedlung ausländischer Unternehmen wurde vom chinesischen Staatsapparat gelenkt und gesteuert. Der mächtigen chinesischen Industrie gelang es, in großem Umfang zu produzieren, zur „Werkstatt der Welt“ zu werden “ zu werden und auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Doch ausländischen Produkten ist es nicht gelungen, den chinesischen Markt so stark zu durchdringen, wie der Westen es sich erhofft hatte, da die Bevölkerung zu arm war, um sich diese Produkte leisten zu können.

Auf seine Weise bleibt China nach wie vor undurchdringlich. Selbst heute, da es sich scheinbar dem vom Imperialismus beherrschten Markt geöffnet hat, bleibt der chinesische Binnenmarkt schwer zugänglich. Er wird quasi militärisch von der Kommunistischen Partei (KP) geschützt, die ihrerseits das Produkt einer sozialen Revolution ist, in der Hunderte Millionen Bauern gekämpft und das alte China von Grund auf erschüttert haben – auch wenn die KP an der Spitze des Staates in vielerlei Hinsicht den Eindruck erweckt, in die Fußstapfen des jahrtausendealten chinesischen Reiches getreten zu sein.

Die Opiumkriege der Engländer hatten China gezwungen sich zu öffnen. Ein neues China entstand. Damit begann eine Ära der Revolutionen: die nationalistische Revolution von 1911 – niedergeschlagen; die Arbeiterrevolution von 1927 – niedergeschlagen; die siegreiche bäuerlich-nationalistische Revolution Maos. Letztere bezeichnete sich zwar als kommunistisch, ohne jedoch auch nur im Geringsten proletarisch zu sein, was typisch für die damalige Zeit war. Gewaltsam in die moderne Welt hineingezogen – auf welche Seite würde sich China stellen?

Dies ist das Thema, das in dem folgenden Dreiteiler behandelt wird. Dieser erste Artikel befasst sich mit den Opiumkriegen. Das 20. Jahrhundert, eine Zeit des Umbruchs und eine Ära der Revolutionen, wird im zweiten Teil behandelt. Chinas Stellung in der Weltwirtschaft unter dem Gesichtspunkt seiner Abgrenzung vom Weltmarkt ist Gegenstand des dritten Teils.

 

Die Opiumkriege: ein brutaler Versuch, um China zu zwingen, sich dem Außenhandel zu öffnen

Im 19. Jahrhundert expandierte der britische Handel massiv. Chinas Widerstand gegen den britischen Handel stand so sehr im Gegensatz zu den Zielen der Engländer im Orient, dass sie eine Operation starteten, um die vom chinesischen Kaiserreich errichteten Handelsbarrieren einzureißen. Ein einziges Handelsgut gelangte damals problemlos nach China, ohne bürokratische Schikanen der Beamten: das Opium, das über geheime und inoffizielle Wege geschmuggelt wurde. Die Engländer ergriffen die Gelegenheit und nutzten es als Rammbock. Und den Opiumhandel durchzusetzen, führten sie die Opiumkriege, wahrhaft schändliche Kriege.

„Natürlich hatte der Sklavenhandel im Vergleich zum Opiumhandel etwas Barmherziges: Wir ruinierten nicht den Körper der Afrikaner, denn es lag in unserem unmittelbaren Interesse, sie am Leben zu erhalten; wir verdarben weder ihre Natur noch korrumpierten wir ihren Geist, noch töteten wir ihre Seele. Doch der Opiumhändler tötet den Körper, nachdem er die Seele der unglücklichen Sünder verdorben, entwürdigt und ruiniert hat. Mit jeder verstreichenden Stunde werden diesem unersättlichen Moloch neue Opfer geopfert “, erklärt Montgomery Martin, englischer Gesandter in China, den Marx nicht ohne eine gewisse Ironie zitiert [1]. Man muss wohl annehmen, dass, wenn sich die Händler sich einer Sache annehmen, dann schlagen sie richtig zu… 

 

Eine britische Angelegenheit

Nachdem Großbritannien den Weg der kapitalistischen Entwicklung eingeschlagen und seine Industrie endlich auf das Meer ausgerichtet hatte, begannen im 17. Jahrhundert Reichtümer in das Land zu strömen; insbesondere dank der Expeditionen der Freibeuter, die die Schiffe der damals dominierenden Nationen angriffen und plünderten. Die Namen einiger englischer Schiffe, wie die Why not I? (Warum nicht ich?), zeugt unmissverständlich von dem Charakter, den der englische Handel damals annahm – ein Charakter von Schmugglern und Opportunisten, die sich jedes Recht herausnahmen, wenn es sich für sie lohnte.

So hatte Großbritannien im 18. Jahrhundert den Anspruch, unter die Großmächte aufzusteigen. Es erreichte sogar, gleichberechtigt mit Portugal, Spanien und den Niederlanden, die zuvor das Monopol darauf hatten, am Sklavenhandel teilzunehmen. Männer, die oft mit Nichts angefangen hatten, machten dort ihr Vermögen. Die Eigentümer der Sklavenschiffe aus Liverpool waren damals bekannt für ihre zynischen Äußerungen. Ihrer Ansicht nach war der Sklavenhandel ein äußerst florierendes Geschäft, das wie kein anderes den Unternehmergeist fördere und den Erfolg junger Männer garantiere.

Im darauffolgenden Jahrhundert wurde das Land durch seine quasi-industrielle Produktion von Schiffen und Kanonen vorangetrieben. Der Staat stützte sich auf eine neue gesellschaftliche Kraft: das Industriebürgertum. Der englische Handel entwickelte sich, die Bourgeoisie wurde immer reicher und im Zuge dessen nahm ihre Brutalität zu und ihr Überlegenheitsgefühl, einer Nation anzugehören, die andere beherrscht.

Für die Bourgeoisie mussten alle Zwänge der alten Welt aus dem Weg geräumt werden, also jedes Gesetz, das ihren Vorwärtsdrang einschränkte. In diesem Zusammenhang startete das Parlament eine Kampagne zur Sicherung des Freihandels. Es war das Zeitalter der Brutalität und des Zynismus, aber auch des Größenwahns. Ließ sich Königin Victoria nicht sogar zur Kaiserin von Indien krönen? Nichts und niemand schien dem englischen Kapital mehr Widerstand zu leisten. Doch ein Gebiet blieb für den englischen Handel verschlossen: China. Dieses tausendjährige Reich thronte in Asien, undurchdringlich, wie eine Herausforderung.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts sah es die englische Bourgeoisie als heilige Mission an, China für ihren Handel zu öffnen. Doch ihre Versuche, Handelsbeziehungen zu ihrem Vorteil durchzusetzen, blieben vergeblich. Und verletzt in ihrem vermeintlichen Recht auf weltweiten Freihandel – also dem Recht, freizukommen und zu gehen, Handel zu treiben und zu stehlen – gab es kein Verbrechen, das sie nicht zu begehen wagte, um ihre Ziele zu erreichen.

 

Das undurchdringliche China

Die Briten wussten, dass es schwierig war, mit China Handel zu treiben. In der Tat stießen sie auf eine erste und erhebliche Schwierigkeit: Die Küsten und alle chinesischen Häfen mit Ausnahme von Kanton waren ihnen verschlossen. Um die Luxusgüter – chinesische Seide, Porzellan und vor allem Tee, dessen Verbrauch in England rasant anstieg – zu erwerben, gab es nur diesen einen Hafen von Kanton. Und auch dieser stand ihnen nur einige Monate im Jahr offen, während der „Teesaison“. Zudem durfte ein Schiff dort nicht direkt anlegen. Es musste in sicherer Entfernung vor Anker gehen und warten, bis die chinesischen Behörden eintrafen, um die Ladung zu wiegen, zu zählen, zu registrieren und alles zu protokollieren.

Deren Beamte waren zahlreich: der örtliche Mandarin und sein Gefolge; der Vertreter des Cohong (der Gilde der Kantoner Kaufleute, die das Monopol auf den Handel mit Ausländern besaß); die „Dolmetscher“, die, trotz ihres Titels kein Englisch sprachen, sondern die die Zollregister führten, Ruderboote für den Transport der Waren nach Kanton beschafften, Fährmänner, Lastenträger und Hausangestellte anwarben… Jeder dieser Beamten erstattete seinem Vorgesetzten über alles Bericht, was die Ausländer betraf. Über dem Mandarin stand der Gouverneur von Kanton, der die Berichte durchsah und schließlich seinen eigenen Bericht an die kaiserlichen Behörden in Peking weiterleitete.

Die Engländer hatten mehrfach versucht, die Überwachung durch die Mandarine zu umgehen und in anderen Häfen entlang der Küste anzulegen. Doch sie wurden entweder vertrieben oder mussten noch höhere Abgaben zahlen.

Sie stießen in China also auf einen echten zentralisierten Staatsapparat. Die Mandarine mochten korrupt, dumm, arrogant oder Diebe sein – sie waren da, und jeder von ihnen stützte sich auf dieses riesige, weitverzweigte, zentralisierte Gebilde, das seit Jahrhunderten bestand. Es gab in China zwar eine Vielzahl von Völkern, Ethnien und Sprachen, doch über ihnen allen stand dieser Staatsapparat, ausgestattet mit einer echten Kultur der Verwaltung, der Kodifizierung und der Regulierung.

Und die Gesellschaft, die die Mandarine verwalteten, konnte abgeschottet funktionieren. Den englischen Kaufleuten gelang es nicht, Teil von ihr zu werden. In den Dörfern gab es zahlreiche Bauern, auf deren Fronarbeit das Kaiserreich zurückgreifen konnte, um die für den Erhalt des Reiches notwendigen Bewässerungsarbeiten oder die Anlage von Saatgutvorräten durchzuführen. Die in den Dörfern hergestellten Stoffe und Werkzeuge, wenn auch primitiv, reichten für ihren Alltag aus.

Der Clan war eine soziale Einheit aus mehreren hundert Individuen, der sich über einen gemeinsamen Vorfahren definierte und der von den armen Bauern an seiner Basis ernährt und unterhalten wurde. Diese sehr große Masse an Bauern, von denen jeder ein winziges Stück Land bewirtschaftete, bzw. einige sogar landlos waren und sich bei anderen verdingen mussten, profitierte im Gegenzug von der bedingungslosen Solidarität des Clans.

Die Engländer hatten keinerlei Möglichkeit, mit ihrem Handel und ihren modernen Werkzeugen einen Keil in diese erstarrte und daher homogene Gesellschaft zu treiben – umso mehr, da die Bevölkerung aufgrund ihrer extremen Armut in Autarkie lebte und einfach nur versuchte, unter Bedingungen zu überleben, die schlimmer waren als die Leibeigenschaft. Diese Situation wirkte wie wasserfester Zement, der jegliches tiefgreifende Eindringen verhinderte. Die Gesellschaft war unbeweglich und undurchdringlich, auch wenn es von Zeit zu Zeit zu gewaltsamen Ausbrüchen kam, so wie wenn die Deiche eines reißenden Flusses brechen.

Der Konfuzianismus bildete das moralische Korsett dieses Gefüges, in dem jeder zur sozialen Harmonie beitragen musste. Er stand einerseits im Dienst der Clans, da er den Ahnenkult lehrte, und andererseits im Dienst der kaiserlichen Autorität, der sich als Vater präsentierte, der alle seine Untertanen beschützte.

Doch dann entstand – durch Zufall und die Gier der englischen Kaufleute – doch noch ein Weg, um diese Hindernisse zu überwinden: dank des Opiums! Diese Ware hatte nur Vorteile. Ihre Vertriebswege verliefen zwangsläufig im Verborgenen und inoffiziell und ihre Suchtwirkung reichte aus, um für ihre Verbreitung zu sorgen. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts begann die Britische Ostindien-Kompanie damit, in Bengalen endlose Mohnplantagen anzulegen, um das Opium in China zu verbreiten.

Die Mandarine selbst wurden abhängig. In ihrem Buch Die Akkumulation des Kapitals (1913) zitiert Rosa Luxemburg einen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1828, der dem Kaiser beschreibt, auf welche Weise sie es verbreiten: „Es scheint, dass das Opium zumeist durch unwürdige Beamte von außerhalb eingeführt wird, die im Einverständnis mit gewinnsüchtigen Kaufleuten es ins Innere des Landes befördern, wo zuerst junge Leute aus guter Familie, reiche Private und Kaufleute sich dem Genuss zuwenden, der sich endlich auch bei dem gemeinen Manne verbreitet. Ich habe in Erfahrung gebracht. dass sich in allen Provinzen nicht allein unter den Zivilbeamten, sondern auch in der Armee Opiumraucher befinden. Während die Beamten der verschiedenen Bezirke durch Edikte das gesetzliche Verbot des Verkaufs des Opium von neuem einschärfen, rauchen ihre Eltern, Verwandten, Untergebenen und Diener nach wie vor, und die Kaufleute benutzen das Verbot, den Preis zu steigern. Selbst die Polizei, die ebenfalls dafür eingenommen ist, kauft diesen Artikel, statt zu seiner Unterdrückung beizutragen. und dies ist auch der Grund, weshalb alle Verbote und Verfügungen unberücksichtigt bleiben.“ [2]

Der Opiumhandel nahm gigantische Ausmaße an, von 200 Kisten Mitte des 18. Jahrhunderts auf über 12.000 im Jahr 1825 und auf mehr als das Dreifache dieser Menge im Jahr 1840.

Doch die Ostindien-Kompanie, diese alte Handelsinstitution, die an der Wiege der britischen Expansion gestanden und mehr als zwei Jahrhunderte lang dessen Siege und Rückschläge begleitet hatte, war nicht mehr in der Lage, der grenzenlosen Entwicklung der englischen Produktion gerecht zu werden. Und umso weniger war sie in der Lage, die damit verbundenen hoheitliche Aufgaben zu übernehmen, die Aufgaben eines Staatsapparats, die ihr die britische Expansion auferlegte.

Die Ostindien-Kompagnie, dieser Zusammenschluss von Händlern, musste immer größere Gebiete in Indien verwalten; eine Aufgabe, die weit über den bloßen Aufbau von Handelskontoren hinausging. Ein Parlamentsabgeordneter stellte 1830 fest: „Die Vorstellung, einer Aktiengesellschaft […] die politische Verwaltung eines Reiches mit 100 Millionen Einwohnern […] anzuvertrauen, war absurd. “

Der Wandel, der sich für die Kompanie vollzog, bedeutete ihren allmählichen Niedergang und die Übernahme ihrer Verwaltung durch den britischen Staat.

 

Erster Opiumkrieg: Die Kanonenboot-Politik

Zwar hatten die Briten nicht die Mittel, militärisch in China einzufallen. Doch schon während der ersten Kämpfe hatten sie erkannt, dass sie mit nur wenigen Schiffen die chinesische Marine in Schach halten konnten – dank der Vorteile, die ihnen ihr industrieller und technischer Vorsprung verschaffte. Die englischen Kanonen schossen weiter und präziser als die der Chinesen, was es ihnen ermöglichte, zu bombardieren, ohne sich selbst der Gefahr auszusetzen getroffen zu werden.

Im Jahr 1839 beschlagnahmte ein Gesandter des Kaisers in Kanton die Opiumvorräte, um die Engländer zur Einstellung ihres Handels zu zwingen. Als er, genervt von der wochenlangen Weigerung der Briten, die 20.000 Kisten Opium verbrennen und ins Meer werfen ließ, griff die englische Flotte als Vergeltungsmaßnahme mehrere Häfen an der Küste an. Der erste Opiumkrieg hatte begonnen. Die Kanonenboote, mit Stahl gepanzerte Dampfschiffe, die mit beweglichen Kanonen und Sprenggeschossen ausgerüstet waren, waren der Trumpf ihrer Politik. Sie versenkten Dutzende von Schiffen und zerstörten die chinesischen Befestigungsanlagen.

Zwei Jahre später, im Jahr 1841, war das Reich in die Enge getrieben und bereit, Zugeständnisse zu machen. Doch die Engländer wollten zeigen, dass sie die Herren waren. Im Jahr 1842 fuhren sie den Jangtse hinauf bis nach Nanking, wo sie den großen kaiserlichen Kanal lahmlegten. Dem Kaiser blieb keine andere Wahl, als ihre Bedingungen zu akzeptieren.

Der Vertrag von Nanking garantierte den Engländern, dass die fünf Häfen, die die Engländer angegriffen hatten, für deren Handel geöffnet würden. Hongkong, das sie besetzt hatten, kam unter englische Gerichtsbarkeit. Das Kaiserreich musste eine Entschädigung in Höhe von 21 Millionen Dollar für das 1839 vernichtete Opium zahlen – eine exorbitante Summe, für die man die Bevölkerung bluten ließ. Außerdem musste sich die chinesische Regierung dazu verpflichten, die Verfolgung der Schmuggler einzustellen

 

Der Verfall Chinas

Die britischen Industriellen, beflügelt von der Öffnung des vermeintlich riesigen chinesischen Marktes, produzierten und verschifften wahllos eine Vielzahl von Waren (Baumwollstoffe, aber auch Klaviere, Messer und Gabeln!), deren Verkauf kaum die Transportkosten deckte. Kein Wunder, denn die Chinesen hatten dafür nicht mehr Bedarf als zuvor. Schließlich lebte die chinesische Bauernschaft nahezu autark. Der Opiumhandel war der einzige „Handel“, der durch den Krieg frei geworden war und er verschlang den größten Teil des chinesischen Geldes. Dieser Handel schien keine Grenzen zu kennen und erschöpfte schließlich die kaiserlichen Finanzen.

Das Opium finanzierte die Regierung Indiens und war das einzige Mittel, um die massiven Importe von chinesischem Tee zu bezahlen. Dieser Tee, der in England gewinnbringend weiterverkauft wurde, stellte eine bedeutende Einnahmequelle für die britische Staatskasse dar; sie war so groß, dass sie dem Budget der Royal Navy entsprach.

Dieses System war profitabel, aber fragil: Einerseits blieb Opium trotz der Abhängigkeit der Konsumenten ein Gut, das dem Willen der Zentralmacht unterlag; andererseits war die Teeproduktion Schwankungen ausgesetzt. Denn die Regierung war durch die massiven Geldabflüsse ins Ausland durch das Opiums in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie sah sich gezwungen, den Anbau von Tee – der einzigen exportfähigen Ware – in großem Stil auszubauen. Dies ging zu Lasten der traditionellen Landwirtschaft, was die Bauern in den Ruin trieb und zu Aufständen führte.

 

Rivalitäten zwischen den imperialistischen Mächten beschleunigen den Zweiten Opiumkrieg

Das Britische Empire stand vor einem grundlegenden Problem: Während seine Industrie immer weiter expandierte, expandierten die Absatzmärkte nicht in gleichem Maße. Dies führte zur allgemeinen Überproduktionskrise von 1847. Diese Krise destabilisierte den Handel in China und sie drohte die Absatzmärkte zu verringern, über die Großbritannien bereits verfügte. Nachdem Großbritannien seine amerikanischen Kolonien verloren hatte, war es von der Idee besessen, tiefer in das chinesische Hinterland vorzudringen, da dies die letzte Aussicht auf einen neuen Absatzmarkt großen Ausmaßes war.

Doch Großbritannien war in China nicht mehr alleine. Es war als erste Großmacht angekommen und hatte die chinesischen Häfen mit ihrem Kanonenfeuer geöffnet. Frankreich und die Vereinigten Staaten waren gefolgt und hatten ebenfalls Konzessionen errichtet. Sie waren ernstzunehmende Rivalen im Pazifik, dem neuen Schwerpunkt des Welthandels. Russland wiederum verfügte auf dem Landweg über eigene Zugänge nach China.

England war noch die Nummer 1, weil es als erstes die Waffen eingesetzt hatte. Es verfügte vor Ort über mehr Schiffe und Truppen als die anderen Mächte und hatte ein Interesse daran, im Bündnis mit den anderen Großmächten einen Krieg zu führen, der Großbritannien von allen den größten Gewinn einbringen würde.

Im Jahr 1856 beschlagnahmte die chinesische Polizei ein Schiff chinesischer Schmuggler, die Arrow. Die britischen Potentaten in Kanton behaupteten, das Schiff führe unter britische Flagge. Sie taten so, als seien sie angegriffen worden und griffen daraufhin die Stadt an. In London beschloss Premierminister Palmerston eine bewaffnete Intervention, der sich bald darauf Frankreich und Russland anschlossen. Die Vereinigten Staaten ihrerseits entschieden sich vorsichtig und heuchlerisch dafür, neutral zu bleiben, unterstützten, aber gleichzeitig die westlichen Flotten.

Das Kaiserreich wurde daher erneut beschossen und kapitulierte 1858. Der Vertrag von Tientsin erlaubte Russland, England, den Vereinigten Staaten und Frankreich, Botschaften in Peking zu errichten und sich ungehindert im Inneren Chinas zu bewegen. Er öffnete weitere Häfen für ihren Handel und legalisierte das Opium.

Der eigentliche Nutznießer des Krieges war Russland, dem ohne Kampf ein bedeutendes Gebiet im Norden Chinas abgetreten wurde.

Die Engländer waren mit dem Ergebnis unzufrieden. Sie stürzten sich erneut in den Krieg, dicht gefolgt von den Franzosen, die darauf brannten, ebenfalls eine Rolle zu spielen. Eine Kanonenbootflotte (das wurde langsam zur Gewohnheit) fuhr 1860 den Pei-Ho-Fluss hinauf bis nach Peking. Die Stadt wurde geplündert und der kaiserliche Palast in Brand gesteckt. Diese Barbarei zwang das chinesische Kaiserreich zu einem weiteren Abkommen, das den Engländern zusätzliche Vorteile einräumte.

Der Kaiser war während der Plünderung Pekings geflohen. Beide Opiumkriege ermöglichten es den Briten dennoch nicht, ihre Waren in China zu verkaufen. Sie hinterließen jedoch eine klaffende Wunde in der chinesischen Gesellschaft.

 

Der Zerfall des alten China

Nach dem gewaltsamen Eindringen der Westmächte lag China mit aufgeschlitztem Bauch da.

Die Zentralmacht war handlungsunfähig. Der kaiserliche Hof war de facto innerhalb der Verbotenen Stadt eingesperrt. Dies war eine Stadt für sich, bevölkert von Dutzenden von Ehefrauen und Konkubinen des Kaisers, von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, von Tausenden von Eunuchen und Mandarinen, die streng hierarchisch nach ihrem Rang organisiert und auf eine Vielzahl von Behörden verteilt waren, deren Aufgaben ihrerseits von einer Vielzahl von Bediensteten erledigt wurden. Dieser Hof lebte abgeschottet in seinen Palästen, Höfen, Pavillons und Gärten, bewusst vom Volk isoliert, um die Vorstellung von seiner heiligen Macht zu stärken, und wurde ständig von Intrigen zwischen den Clans erschüttert.

Die Machthaber waren nicht einmal in der Lage zu begreifen, was vor sich ging. Sie klammerten sich an alles, was am reaktionärsten war; getrieben allein von ihrer Feindseligkeit gegenüber der von den Ausländern eingeführten Moderne, waren sie von einer chronischen Lähmung befallen.

Die Bauernschaft war bereits seit dem ersten Opiumkrieg in Aufruhr. Es gab keine Region, in der es nicht zu Aufständen gegen die in Verruf geratenen Mandarine und gegen die kaiserliche Macht kam, die jegliche Glaubwürdigkeit verloren hatte. Der bedeutendste war der Aufstand der Taiping. Es handelte sich um einen wilden Aufstand der Bauern für Land und gegen das Regime – ein Aufstand, der so gewaltsam und unaufhaltsam war, dass die kaiserlichen Truppen dreizehn Jahre lang keinen Fuß mehr nach Südchina setzen konnten. Die Bauern teilten das Land unter sich auf und brannten die Verwaltungszentren nieder. Ihre Anführer, die dem ländlichen Kleinbürgertum entstammten, entdeckten auf ihre Weise die Moderne in den für den Westen offenen Städten des Südens. Von Anfang an wollten sie die Dynastie stürzen und ihren Bruch mit dem Konfuzianismus und dem Ahnenkult deutlich machen. Ohne weitere Perspektiven verfielen sie jedoch schnell in eine Karikatur der kaiserlichen Macht. Sie bildeten einen Hofstaat, der den kaiserlichen Hof nachahmte und verloren die Unterstützung der Bauernschaft, die sie ausplünderten und mit Abgaben belasteten. Sie versanken in Machtkämpfen zwischen den Anführern, bevor die westlichen Armeen ihnen den Gnadenstoß versetzten und so das Kaiserreich retteten.

 

Fazit

„Zur Erhaltung des alten Chinas war völlige Abschließung die Hauptbedingung. Da diese Abschließung nun durch England ihr gewaltsames Ende gefunden hat, muss der Zerfall so sicher erfolgen wie bei einer sorgsam in einem hermetisch verschlossenen Sarg aufbewahrten Mumie, sobald sie mit frischer Luft in Berührung kommt. Die Frage ist jetzt, nachdem England die Revolution über China gebracht hat, wie diese Revolution mit der Zeit auf England und – über England – auf Europa zurückwirken wird.“ [3]

So schrieb Marx im Jahr 1853, und dies traf 1860, am Ende des Zweiten Opiumkriegs, umso mehr zu. Nach zwei vernichtenden Niederlagen und der Plünderung und Brandschatzung der Kaiserstadt war DAS Symbol der Macht par excellence gerade zu Fall gebracht worden.

Das Überleben des kaiserlichen Hofes war bedroht. Zumal dessen törichte Unbeweglichkeit das Erdbeben beschleunigte, das das Land bereits erschütterte und dessen Wellen anfingen, auch die entlegensten Schichten der Bauernschaft zu erreichen.

Die zahlreichen Aufstände der Bauern, die sich eine Zeit lang hinter die Taiping vereinigten, ließen tiefe Risse in der Bevölkerung sichtbar werden. Der Historiker John Fairbank beschreibt „Reihen von Bauern, die Körper nach vorne gebeugt und die Knöchel im schlammigen Wasser versunken, [die] sich rückwärts [bewegten], Schritt für Schritt, entlang der Anbauterrassen. [Es ist] wahrscheinlich der größte Einsatz an Muskelkraft, der je auf der Erde zu beobachten war. […] Einmal etabliert, konnte diese Wirtschaft nur noch ihre eigene Trägheit entwickeln und daran festhalten. [4]

Doch das Gleichgewicht war gestört. Und so stand eine erschöpfte und nach Land hungernde Bauernschaft immer anspruchsvolleren Grundbesitzern und Staatsbeamten gegenüber, die immer mehr landwirtschaftliche Güter und Steuern verlangten.

Da die Zentralmacht versagte, verlor die Ehrfurcht vor den Vorfahren ihre Wirkung. Auf dem Land kam es buchstäblich zu einer Explosion: Dreizehn Jahre Guerillakrieg, fast dreißig Millionen Tote – die Taiping-Bewegung mag zwar gescheitert sein, doch sie hat das Zeitalter der Umwälzungen in China eingeläutet. Damit gab sie teilweise eine Antwort auf Marx’ Fragen. Für Marx passte die alte Mumie Chinas nach den Opiumkriegen nicht mehr in den Sarkophag. Die Vergangenheit war vorbei!

Selbst dieses riesige Land, bevölkert mit Hunderten Millionen von Bauern, die blind an ihrem Stück Land hingen und ihre Lebensweise seit Jahrtausenden unverändert fortsetzten, konnte nichts dagegen ausrichten. Von nun an hatte der Kapitalismus das Ruder übernommen – mit seinem aggressiven Handel, seinen Raubkriegen und seiner modernen und überdimensionierten Bewaffnung. Eine Ära der Umwälzungen, Kriege und Revolutionen brach an. China sah sich trotz erbitterten Widerstands gezwungen, in die moderne Welt einzutreten.

 

15. Februar 2025

 

[1] Karl Marx, Trade or Opium? New York Daily Tribune, 20. September 1858.

[2] Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals, Kapitel 28.

[3] Karl Marx: Die Revolution in China und in Europa, New York Daily Tribune, 14. Juni 1853.

[4] Geschichte des modernen China. 1800–1995. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1989.